Waldmesse mit Kräutersegnung 2016

Am 15. August, Fest Mariä Himmelfahrt, sind bei uns im Allgäu Feldprozessionen und Umgänge mit geweihten „Marienboschen“ eine alte, lebendige Tradition. Das sind kunstvolle Gebinde aus einer Vielzahl heimischer Heilkräuter, die nach der Trocknung im Herrgottswinkel des Hauses oder im Stall aufgehängt werden.

Die Kemptener Gemeinde ist dankbarer Besitzer eines Waldes bei Weitnau. Dort haben wir vor zwei Jahren einen Besinnungspfad mit sieben Themenstationen angelegt und – auf einer wunderschönen Waldlichtung – den Sonnengesang des Franz von Assisi in einem Kreis kunstvoll gestalteter Holzstelen geschaffen. Dieses Kleinod wird seitdem von vielen Menschen besucht und wertgeschätzt. So konnten wir an diesem Feiertag dort eine besondere Waldmesse im Kreise von etwa 90 Leuten rund um unseren Baumstrunk- Altar feiern, mit gesegneten Kräuterboschen und begleitet von Stubenmusik.

Unser Thema war „Heilsame Orte“. Den Einführungstext möchten wir gerne mit Ihnen teilen:

Um nachzuspüren, was Orte wie diesen zu einem heilsamen Ort macht, möchte ich mit einem Zitat der Hl. Hildegard von Bingen beginnen, der Gelehrten, Seherin und Mystikerin, die um das Jahr 1100 lebte. Sie sagte:

„ Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese ist grün.“

Die kirchliche Amtssprache war damals Latein, also sprach sie von „Viriditas“, übersetzt: „Grünkraft“.

Heilsame Orte sind Orte, an denen sich Mensch und Tier mit dieser Grünkraft rückverbinden können, und Rückverbindung heißt „ Religio“. Letztlich sind das Orte, die Erhabenheit ausstrahlen, die uns die Nähe unseres Schöpfers spüren lassen. Sie ziehen uns Menschen seit jeher an, je unverfälschter diese Orte sind, desto kraftvoller, weil an ihnen die Naturgesetze spürbar in Harmonie sind.

Die heilsame Wirkung folgt einem wichtigen physikalischen Gesetz; sie kann in unserer hoch technisierten Zeit auch wissenschaftlich belegt werden:

Der Mensch in seiner Körper-Seele-Geist-Einheit ist ein Resonanzkörper, gleich einem Musikinstrument, z.B. einem Cello.

Begibt er sich in Stress und Hektik, ist er niedergedrückt und verzweifelt, so wird er „verstimmt“, wie unsere Sprache es ja auch sehr weise zum Ausdruck bringt, sein Cello klingt schräg, seine Gemütslage und Gesundheit geraten mehr und mehr aus dem Gleichgewicht.

Folgt er seinem Bauchgefühl und seiner innersten Sehnsucht, so begibt er sich möglichst oft an solche heilsamen Orte wie hier, an denen er sich „umstimmen“ kann:

Er öffnet mehr oder minder bewusst seine gestressten Sinnespforten, lauscht all den Naturklängen, er atmet tief die Duftbotschaften des Waldes ein, seine Augen genießen die Schönheit der Pflanzen und das Spiel der Sonnenstrahlen durchs Blätterdach, seine Haut spürt feuchte Kühle und wohlige Wärme.  Sein Herz wird ruhig, Wohlgefühl breitet sich in ihm aus, die Gedanken klären sich. Die Ordnung der Naturschwingungen hilft umstimmen. Die Hl. Hildegard spricht auch von „Ordnungstherapie“.

So hat auch jede Heilpflanze ihr ganz individuelles Schwingungsmuster. In der Homöopathie können wir dieses  hochpotenzieren, ja sogar sichtbar machen z.B. in der Kirlianphotographie. Und, wenn es zu uns passt, uns heilsam beeinflussen. Auch jeder Baum, jeder Heilstein, jede Quelle hat seinen/ihren jeweiligen ureigenen Akkord von Schwingungen, mit dem wir in Resonanz gehen können.

Unser Cello singt wieder in seinem stimmigen Wohlklang!

Wir Menschen können die Verbindung mit der Natur um uns erspüren und das „ grüne Band, die Grünkraft“, von der die Hl. Hildegard spricht, dankbar als Hilfe in unserer schrillen, verstörenden Welt annehmen, damit wir die leise Lebensmelodie in unseren Herzen wieder wahrnehmen, bei uns ankommen.

Das Heimkommen im Herzen ist das Ankommen bei Gott in unserem Herzen.

Im Taizé-Lied singen wir:

„Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden.“

Und ein weiteres: „Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind. Bei IHM ist Trost und Heil. Ja, hin zu Gott verzehrt sich meine Seele, kehrt in Frieden ein.“

Das ist Heilung.

Und so sind wir voll tiefer Dankbarkeit für diesen heilsamen Ort, für die uns so kraftvoll unterstützende Natur, für all die Kräuter, die Bäume und die Tiere.

Und wir sind von Herzen all den tatkräftigen, kreativen Menschen dankbar, die diesen uns anvertrauten Wald zu so einem wundervollen Schatz gestaltet haben.“

 

Strehler, Kempten

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